Jahresbericht 2012 der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche Wien

Anonyme Geburt schützt Mütter und Neugeborene,
von Ass.-Prof.in PD.in Dr.in Claudia Klier, Stv. Leiterin der KCC Psychosomatik

Unsere Arbeitsgruppe hat 2005 mit Partnern aus Finnland, Schweden, Norwegen, Niederlande und England ein Projekt in Angriff genommen, um Kindestötungen bis 18 Jahre durch biologische Eltern, Adoptiv-, Stief- oder Pflegeeltern zu untersuchen und besser zu verstehen, welche Risikofaktoren hier wirksam werden und welche präventiven Möglichkeiten Verbesserungen schaffen könnten.

Mütter, die ihr Neugeborenes töten, zeigen in unserer Studie eine hohe Rate an Schwangerschaftsverdrängung und eine Vielzahl von erlebten Traumata in der Kindheit. Niemand im sozialen Umfeld bemerkt die Schwangerschaft und die Geburt und sie haben ein hohes Risiko, an den Folgen der heimlichen Geburt zu versterben.

Vorrausgegangen war ein Erlass zur anonymen Geburt, der österreichweit seit 2002 umgesetzt wird und der es schwangeren Frauen ermöglicht, ohne Angabe ihrer Identität die reguläre Schwangerschaftsbetreuung in Anspruch zu nehmen und ihre Kinder sicher im Krankenhaus zur Welt zu bringen.

In unserer aktuell veröffentlichten Arbeit (Titel: Is the introduction of anonymus delivery associated with a reduction of high neonaticide rates in Austria? A retrospective study. Journal: BJOG – An International Journal of Obstetrics and Gynaecology) verglichen wir die Veränderungen der Zahlen für Neugeborenentötungen aus den Polizeistatistiken von Finnland, Schweden und Österreich und konnten für Österreich einen signifikanten Rückgang der Neugeborenentötungen ab 2002 feststellen, während in den beiden anderen Ländern keine Veränderung stattfand. In einer neuen Arbeit wurde mit einem statistischen Vorhersagemodell errechnet, dass es für den Zeitraum 2002 bis 2010 deutlich weniger Anzeigen pro Jahr gab, als aufgrund der Zahlen von 1976 bis 2001 zu erwarten gewesen wäre.

Die Neugeborenentötung ist eine unverständliche und grausame Tat, aber auch wenn Neugeborene in die Babyklappe gelegt werden, auf der Neugeborenen-Station zurückgelassen werden oder die Mutter nach einer anonymen Geburt ihr Kind dem Jugendamt überlässt, ist es immer eine dramatische Situation für alle Beteiligten.
Die 365 Kinder, die in Österreich seither nach anonymer Geburt adoptiert wurden, leben ohne Wissen um ihre biologische Herkunft und dem Thema der „Unerwünschtheit“ und dem „Weggelegt-worden-sein“. Welche Bedeutung dies für die abgegebenen Kinder und ihre Adoptivfamilien hat und welche Unterstützung diese brauchen, ist das Thema, dem wir uns als nächstes zuwenden.
Zum Artikel: jahresbericht2012-kinderklinik.meduniwien.ac.at